Aber bitte mit Sané!

von Bernhard Ubbenhorst -

Die Transferperiode zwischen Ende und Anfang einer Saison ist das Sommerloch für Fußball-Journalisten. Nix los! Doch sie wissen sich zu helfen...

Schreiben wir also mal darüber, worüber andere schreiben, wenn es eigentlich nichts zu schreiben gibt. Das Schreiben über Beinahe-Ereignisse ist die höchste Kunstform des Journalismus, das Rühren in der Gerüchteküche. Dabei wird spekuliert, konjunktiviert und prognostiziert oder angenommen, gemeint, geglaubt und vermutet, was die Tastatur so hergibt und ein Fragezeichen ziert jeden zweiten Satz. Die Kunst wird beim Fachmagazin Kicker ebenso gut beherrscht wie bei der Boulevard-Journaille. Auf die Spitze getrieben wurde es in den letzten Wochen deshalb, weil der sonst zuverlässig garantierte Nachrichtennachschub aus München etwas ins Stocken geriet. Die Robben- und Ribéry-Abschiedsfestspiele waren ja schnell vorbei und der Wechsel von Hummels zu Dortmund kam auch eher ungelegen, da der ja im Eheverbund mit Frau Cathy zuvor einer der fleißigsten Nachrichten-Stichwortgeber zum Thema FC Bayern war. Aber so richtig geile Transfers mit Stars und Sternchen? Nö. Fehlanzeige.

Und da Fiete Arp und Benjamin Pavard der gewisse Glamour-Faktor ebenso fehlt wie dem Monsieur Hernandez greift man für die unverzichtbare, tägliche FCB-Headline eben auf Leroy Sané zurück. Der läuft schon mal im weißen Pelzmantel durch London und zeigt so wenigstens ansatzweise etwas wie Bayern-taugliche Star-Allüren. Es ist dabei aber sehr befremdlich, wochenlang jeden Tag darüber auf dem Laufenden gehalten zu werden, dass etwas nicht passiert ist. Nämlich Leroy Sanés Transfer von ManCity zu den Bayern. Wenn der arme Brazzo Salihamidzic Nachrichten liest, weiß er vermutlich selbst nicht mehr so genau, wann und wie er überhaupt mit irgendjemand darüber verhandelt hat, den schnellen linken Läufer zu verpflichten oder ob er sich das vielleicht alles nur eingebildet hat.

Das sogenannte Sané-Umfeld, was immer das ist, sei sich bereits mit den Bayern handelseinig, das wurde schon mehrfach als so gut wie sicher berichtet und dann doch wieder dementiert. Nun hieß es zuletzt, dass es nur noch von Leroy selbst abhinge, ob der von der Bayern-Jubelpresse lang ersehnte Transfer nun endlich vollzogen werde. Sobald er aus dem Urlaub zurück sei, wolle er sich dazu erklären. Hat er aber nicht. Pep Guardiola hat schon mehrfach etwas genervt erklärt, dass er davon nichts wisse, aber Sané im Fall der Fälle ja auch tun könne, was er wolle. Das hatte wiederum in hiesigen Gazetten den Transfer praktisch so gut wie besiegelt. Ein Transfer der in der Bild-Zeitung in die Kategorie "Königstransfer" fällt. Das geht vermutlich erst so bei 100 Mio aufwärts los.

Nicht wenige fragen sich dabei, was die Bayern mit einem so teuer zu erwerbenden deutschen Jungnationalspieler wollen, der eigentlich nocht nichts Besonderes geleistet hat. Dahinter steckt das oft gehörte Credo, man müsse nur Robben und Ribéry auf den Außenbahnen durch jüngere Klone ersetzen, dann kämen die ganz erfolgreichen Zeiten von allein wieder zurück. Schon bei der Verpflichtung von Coman, Gnabry und Tolisso war dies die von der Presse unterstellte Intention. Mit schnellen Außenspielern die Abwehr überrollen und vorn wird es Lewandowski schon richten. Dass der Trainer Nico Kovac taktisch weitaus vielseitiger denkt und dass Leroy Sané es in Manchester mit einer sehr viel anspruchsvolleren Aufgabenbeschreibung zu tun hat, könnte den Bayern in diesem Transfer-Deal noch zum Nachteil gereichen. Womit wir auch hier schon beim Spekulieren wären. Was allwissende Propheten ja eigentlich nicht nötig haben.

Zum Glück ist dann letzte Woche endlich mal wieder eine richtige "Bombe in München eingeschlagen", wie Joshua Kimmich das treffend nannte. Uli Hoeneß tritt zurück, bzw. nicht mehr an, wenn die nächsten Wahlen beim FC Bayern anstehen. Das bietet den Münchner Hofberichterstattern ein sehr willkommenes, neues Nachrichten- und Spekulationspotenzial. Reicht locker mal für die Headlines der nächsten Tage bis zum Saison-Start. Bis dahin können die genervten Sportnachrichtenleser in Sachen Sané-Transfer erst mal aufatmen. Doch bevor die Transferperiode dann tatsächlich endet, müssen wir bestimmt noch häufig lesen, dass in der Sache wieder mal nichts passiert ist, oder beinahe fast oder ganz bestimmt vielleicht.

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