Auf dem Grat mit Mislintat

von Bernhard Ubbenhorst -

Der Aufsteiger VfB Stuttgart wird zurzeit als größte Wundertüte auf dem Überraschungsmarkt der kommenden Bundesligasaison gehandelt. Wir werfen mal einen tiefen Blick hinein … 

Der VfB Stuttgart hat den direkten Aufstieg in die erste Bundesliga mit einer ganz ordentlichen Energieleistung in den letzten Zweitligaspielen als Tabellenzweiter gerade noch so geschafft. Die Heidenheimer aus der schwäbischen Nachbarschaft waren den Stuttgartern sehr dicht auf den Fersen. Nicht auszudenken wäre der Imageverlust gewesen, wenn die Kollegen von der Ostalb am ruhmreichen VfB aus der Landeshauptstadt noch vorbeigezogen wären. Die Schwaben profitierten dabei auch von der offensichtlichen Höhenangst der zuvor ebenfalls sehr hoch gewetteten Kicker des Hamburger Sportvereins. Auf einen Berg aufzusteigen ist die eine Sache. Genügend Luft zu haben, um es sich dort am Gipfel auch gemütlich machen zu können, ist die andere Sache. So eine Gratwanderung direkt nach dem mühevollen Aufstieg und ohne längere Verschnaufpausen ist eine gefährliche Angelegenheit. So mancher, der sich dort auf den sattgrünen Weiden unter dem fernen Gipfel das Fernsehgelderglück versprach, fand sich bereits nach wenigen Wochen im tiefen Tal der Tränen wieder.

Ein Aufstieg auf gut Glück, ohne entsprechende Ausstattung und ausreichend Proviant, geht selten gut. Der nachfolgende Abstieg birgt dann viele Probleme und Gefahren, die bei schlecht kalkulierten Risiken nicht selten zum kompletten Absturz führen. Bei einem Aufstieg kommt es daher auf die perfekte Planung an. Die Gemeinschaft der Gipfelstürmer muss ausgewogen zusammengestellt sein. Als optimal hat sich dabei eine gute Mischung aus mit allen Wassern gewaschenen, erfahrenen Haudegen sowie mutigeren und risikobereiteren Jungspunden erwiesen. Die einen bringen die notwendige Erfahrung in diesem Geschäft mit und die anderen steuern ihre Kraft, Schnelligkeit und Entschlossenheit dazu bei. Eine gut organsierte Seilschaft ist das Ein und Alles.  Da gibt es welche, die hakenschlagend voran gehen und den Weg zum Ziel bereiten, andere, die Schwächere mitziehen sich selbst und vor allem andere nicht hängen lassen und wiederum andere, die das ganze hinten gut gestaffelt und organisiert absichern. Niemals nach unten schauen, lautet die Devise.

Soweit die Theorie. Beim VfB hat das in der Praxis in den letzten Jahren nicht immer so hingehauen. Klar, mit viel Kohle und qualifizierten, hochbezahlten Kräften bringt man selbst die lahmste Krücke hoch bis auf den Mount Everest. Mit momentan halb viel Kohle ist das für den VfB aber keine Option. Der seit langem angekündigte, zweite Ankerinvestor für voll viel Kohle lässt immer noch auf sich warten. Als Topfavorit galt lange Zeit der von alten Seilschaften bereits bekannte Sportvermarkter Lagardère. Das deren Hauptaktionär damals im katarischen Doha residierte und auch Friedrich Merz damaliger Arbeitgeber Black Rock Anteile besaß, machte diesen Investor in Fankreisen etwas schwer vermittelbar. Zumal stets versprochen wurde, dass der zweite Investor neben dem Daimler auch aus der Region kommen solle. Dachte man jedenfalls. O-Ton Expräsi Dietrich im Interview mit der „Schwäbischen Zeitung“ damals: "Auch wenn es manche behaupten: Das haben wir nie versprochen. Ich sagte: Ein Investor aus der Region wäre wunderbar, Priorität aber hat, dass uns der Partner strategisch nach vorne bringt." Wenn der Verein einen Investor fände, "der auch Knowhow bringt in einem Bereich, in dem wir als Fußballverein Defizite haben, dann wäre das eine großartige Lösung." 

Dietrich ist nun nicht mehr involviert. Und der katarische Mehrheitseigner ebenso wie der Firmenname Lagardère sind bereits wieder Geschichte. Lagardère Sports heißt nun seit Mitte des Jahres – Achtung, deja-vu – wie schon Jahre zuvor wieder Sportfive! Der neue Mehrheitseigner, die amerikanische Investmentfirma H.I.G. Capital hält nun 75,1 Prozent des in Hamburg ansässigen, in Sportfive umbenannten Nachfolgers des Unternehmens Lagardère Sports. Kein Scheich mehr, aus Katar, Geschäftsleute aus Miami! Das macht einen solchen Investor den Fans scheinbar leichter vermittelbar. Doch wer auf die Idee käme, dieses auf Private-Equity und Alternative Asset Investments spezialisierte Unternehmen, das etwa 40 Milliarden Investmentkapital verwaltet, als Heuschrecke zu bezeichnen, käme wahrscheinlich ohne Verleumdungsprozess davon. Dürfte nicht so leicht werden, für einen solchen Investor zu werben. Doch der aktuelle Präsident Claus Vogt muss sich, auch der Corona-Krise geschuldet, bei der Investorensuche für die nächste 40 Millionen-Tranche gerade gezwungenermaßen ohnehin etwas zurückhalten.

Doch werfen wir mal einen Blick auf den, der beim VfB das Geld dann schließlich zum größten Teil in Beine und auch in Steine investieren muss. Sven Mislintat steht mit seinem vor allem bei Borussia Dortmund und eher weniger beim Arsenal FC erworbenen, guten Namen, für den sportlichen Erfolg des VfB gerade. Er hat während der Saison Pellegrino Matarazzo als Trainer neu verpflichtet und verantwortet auch die Kaderzusammenstellung für das am 18. September (Propheten-Tipp bis dahin nicht vergessen) beginnende Abenteuer in der 1. Bundesliga. Der Trainer Matarazzo, dem der Vorstand Thomas Hitzlsperger diese Woche durchaus wohlwollend attestierte, eine positive Entwicklung genommen und an Sicherheit gewonnen zu haben, ist einer der wichtigsten Faktoren für den Erfolg und Misserfolg. Ob er Hitzlspergers Lob – „Es ist natürlich mehr Sicherheit dazu gekommen, aber das ist ja normal, weil er vorher nicht Cheftrainer auf dem Niveau war“ – auch als Lob betrachtet hat, darf bezweifelt werden. Und von welchem Niveau der Hitz da faselt, dürfte ihm nach dem glücklich geschafften Aufstieg etwas schleierhaft sein. Weils einer sagt, der in seiner Position nichts anderes kennengelernt und verantwortet hat, als dieses bescheidene, momentane Niveau. 

Sven Mislintat ist neben der Trainerbestellung auch für die Kaderzusammenstellung verantwortlich. In der letzten Winterpause hatte er betont, dass der Kader mit vielen jungen Spielern ausreichend stark für den Aufstieg und mittelfristig auch erstligatauglich sei.  Mittelfristig ist nun vorbei und der Aufstieg geschafft. Und Mislintat hat zwischenzeitlich den Kader, wie oft angekündigt, punktuell verstärkt. Vor allem in der Verteidigung. Mit den neu verpflichteten Innenverteidigern Konstantinos Mavropanos und Waldemar Anton, stehen nun neben Marc-Oliver Kempf, Marcin Kaminski, Maxime Awoudja, Luca Mack und Antonis Aidonis sieben Abwehrrecken zum Einsatz bereit. Zählt man den ins zweite Glied verbannten Holger Badstuber noch dazu, sind es insgesamt acht an der Zahl. Würden die allesamt auflaufen, wäre selbst Robert Lewandowski keine Gefahr für Gregor Kobels Tor. Aber so war das von Mislintat und Materazzo vermutlich nicht geplant. Was das „Diamantenauge“ Mislintat damit bezweckt, ist vermutlich nicht nur mir etwas rätselhaft. Es ist ja nicht so, dass der Kader etwa auf den Außenverteidigerpositionen und vor allem auch im offensiven Mittelfeld überall doppelt besetzt und mit hoher Qualität bestückt ist. Der Sturm glänzt auch nicht gerade mit ausgewiesenen Knipsern. Rohdiamanten kann man zwar schleifen, doch auf dem umkämpften Markt in der ersten Bundesliga braucht man schon den einen oder anderen mit Brillantschliff, um dort bestehen zu können. Mal abwarten. Vielleicht kommt Mislintat ja bis zum Transferschluss Anfang Oktober noch ein günstiger Brillie unter. 

Was die Erfolgsaussichten für den Klassenerhalt betrifft, ist der VfB tatsächlich eine Wundertüte. Das ganze Unternehmen VfB AG befindet sich bis dato noch auf einer sehr gefährlichen Gratwanderung ins Ungewisse. Ob man sich mit dieser Strategie oben halten kann, ist höchst fraglich. Und ob die, die momentan dabei den Ton angeben, diesen Weg dauerhaft begleiten werden, ebenso. Schließlich reden wir über den VfB! 

 

 

 

 

 

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