Auf die Knie!

von Bernhard Ubbenhorst -

Der Kniefall vor Spielbeginn gehört in der Premier League als Symbol gegen rassistische Diskriminierung heute fast wie selbstverständlich dazu. Warum ist das bei uns nicht so?

Es war der Aufregung geschuldet! Damals, im Dezember 2020. Christian Benteke von den Queens Park Rangers nimmt kurz vor Anpfiff seine Position auf der rechten Außenbahn ein und ist nervös wie ein junges Füllen vor dem ersten Weidegang. Es ist erst sein zweiter Startelfeinsatz. Als es vermeintlich losgeht, setzt er zum Sprint nach vorne an und Heung-Min Son von den Tottenham Hotspurs setzt ihm instinktiv sofort nach. Nach dem Bruchteil einer Sekunde bemerken beide, dass da etwas nicht stimmen kann. Sie hatten ihren Einsatz beim obligatorischen „Taking a knee“ verpasst, wie der erstmals vom amerikanischen Footballer Colin Kaepernick als Symbol gegen rassistische Diskriminierung vollzogene Kniefall vor dem Spiel im Englischen bezeichnet wird. Benteke und Son schlichen wie zwei Pennäler beschämt zurück auf ihre Plätze, als ob sie beim Fangenspielen vor Unterrichtsbeginn nicht mitbekommen hätten, dass der Lehrer schon längst an seinem Pult sitzt.

Das kurzzeitige Niederknien der Fußballer vor dem Anpfiff, von manchen ergänzt um eine erhobene rechte Faust, wirkt auf viele Zuschauer wie ein kurzer Moment der Demut und Entschleunigung, der eine hohe Symbolkraft gegen rassistische Diskriminierung entfaltet. Wobei heutzutage und auf absehbare Zeit nur die Fernsehzuschauer gemeint sind. Dass dieser symbolische Kniefall in England nicht bei allen Fans auf diese positive Art und Weise ankommt und auch zu offenen, rassistischen Gegenbekundungen führen kann, mussten die Verantwortlichen der Football Association Anfang Dezember letzten Jahres zur Kenntnis nehmen. Beim Spiel des Millwall FC gegen Derby County in der Championship-Liga waren 3000 Zuschauer zugelassen und nicht wenige von ihnen störten den Taking-a-knee-Moment durch lautes Buhen. Für Millwall-Spieler Mahlon Romeo war das eine Respektlosigkeit sondergleichen: “Ich war nahezu sprachlos. Was haben die sich dabei gedacht, wie das bei mir ankommen wird? Ich weiß nicht, ob sie überhaupt wissen, wofür diese Geste steht. … Das war ein schlimmer Moment für mich, vermutlich der schlimmste Moment, seitdem ich diesem Club angehöre.”

Dass der Rassismus im Fan-Spektrum des Millwall FC schon seit langem zum guten Ton gehört, ist ja allseits bekannt. Weitaus erschreckender waren für viele die Reaktionen einiger prominenter Politiker, die sich kritisch mit der bei den Spielern sehr akzeptierten Protestform gegen Rassismus äußerten. Allen voran der ultrakonservative Außenminister des Johnson-Kabinetts Dominic Raab, der die Herkunft der Geste des Niederkniens abfällig in der Serie „Games of Thrones“ verortete. Noch deutlicher outete sich im letzten Dezember ein weiteres Kabinettsmitglied, der konservative George Eustice, auf die Frage nach seiner Einschätzung der beschämenden Vorfälle in Millwall. Er mochte darin beim besten Willen kein Fehlverhalten der Fans erkennen, da es sich bei „Taking a knee“ um eine rein politische, zutiefst antikapitalistische Aktion der „Black Lives Matter“-Bewegung handele, die mit einem Protest gegen rassistische Diskriminierung in seinem Sinne daher nichts gemein habe. Einige politische konservative Hinterbänkler, wie etwa Simon Clarke, pflichteten ihm sogleich bei. Politische Kundgebungen seien im Fußball eben unerwünscht. Und schon schlugen die Wellen der Empörung über sie hinein und mit etwas halbherzigen Dementis versuchten sie sich aus der Affäre zu ziehen.

Das Verhalten der britischen Politiker steht exemplarisch für den Umgang mit dem Thema Rassismus in weiten Teilen der Gesellschaft. Solche Proteste gegen rassistisch motivierte Diskriminierung und Gewalt treffen wunde Punkte im fragilen Nervenkostüm derer, die sich in ihrem alltäglichen und schon fast selbstverständlich gewordenen Rassismus ertappt fühlen. Wer sich Gerechtigkeit auf seine demokratischen Fahnen schreibt und sich plötzlich der Selbstgerechtigkeit überführt sieht, schlägt gern mal wild um sich. Donald Trump etwa nannte damals Colin Kaepernick und andere Footballer, die sich ihm niederkniend angeschlossen hatten, nur „Hurensöhne“. Kaepernick hatte es im August 2016 gewagt, sich bei der feierlichen Präsentation der amerikanischen Flagge durch Militärangehörige vor einem Footballspiel der 49ers zur Nationalhymne nicht zu erheben, sondern sitzenzubleiben. „Ich werde nicht aufstehen und Stolz für eine Fahne demonstrieren, die für ein Land steht, das Schwarze und andere Farbige unterdrückt.“ Diesen Protest hielt der „son of a bitch“ dann mit der Geste des Niederkniens in der Folge bei. Man riet ihm dringend dazu, da das Niederknien nicht ganz so beleidigend sei, wie das Sitzenbleiben. Mit den amerikanischen „Black Lives Matter“-Protesten nach dem gewaltsamen Tod des George Floyd durch Polizistenhand im Mai 2020 wurde Kaepernick gewissermaßen rehabilitiert und das Niederknien zur Protestform gegen rassistische Diskriminierung und Gewalt in Sportlerkreisen, weltweit und überall.

Also, sagen wir mal fast überall. Im deutschen Fußball wurde das sehr zarte Pflänzchen antirassistischer Protestbekundung durch den DFB und die DFL recht schnell eingehegt. Dortmunds Sancho, Schalkes McKennie und Gladbachs Thuram trauten sich anfangs so einiges. Sancho schrieb „Justice for George Floyd“ mit Edding auf sein Unterhemd, McKennie hatte den Satz auf eine schwarze Armbinde geschrieben und Thuram machte nach einem Tor symbolisch den Kapernick-Knicks. Und schon hatte der DFB ein großes Problem. Solcherlei „politischer“ (siehe oben) Bekundungen sind bekanntermaßen im deutschen Fußball seit dem 1000-jährigen Reich strafbewehrt und generell verboten. Die Einleitung eines Untersuchungsverfahrens war das Mindeste und eine Verwarnung der Spieler das maximalste Strafmaß. So ähnlich hatte der DFB es auch 2014 schon mit dem Kölner Anthony Ujah gehalten, der nach dem gewaltsamen Tod des US-Amerikaners Eric Garner sein Unterhemd mit den Zeilen „#Eric Garner“, „#I can’t breathe!“ und „#Justice“ beschriftet hatte und sich nach seinem Tor gegen Augsburg damit politisch offenbarte. Der DFB und auch die DFL waren „not amused“.

Anthony Ujah spielt mittlerweile bei Union Berlin. Nun sind nochmal fünf Jahre ins Land gegangen und wer hoffte, dass sich in Sachen Aufstand gegen den Rassismus im Fußball in der Bundesliga bis heute einiges getan haben müsste, der irrt. Bayer Leverkusen verlor Anfang Januar 2021 bei Union Berlin mit 1-0 und die Spielberichte des Tages kannten nur eine Nachricht: „Leverkusens Nationalspieler Amiri soll der Aussage seines Teamkollegen Jonathan Tah zufolge auf dem Platz rassistisch beleidigt worden sein. Die Aussage sei ‚das Bitterste am ganzen Abend‘, sagte Tah. ‚Ich hoffe, dass das irgendwie Konsequenzen hat.‘, schrieb die ARD-Sportschau, den Leverkusener Jonathan Tah zitierend, online zu diesem Vorfall. Der Union-Spieler Florian Hübner habe den Leverkusener Nadiem Amiri einen „Scheiß-Afghanen“ genannt, wurde in der Presse kolportiert. Amiri hatte Hübners persönliche Entschuldigung hinterher akzeptiert und wollte danach nicht mehr viel Aufhebens darum machen. Union-Manager Oliver Ruhnert versuchte die Wogen zu glätten, und konstatierte, dass Hübner allein wegen der Hautfarbe seiner Ehefrau erhaben über jeglichen Rassismus in dieser Causa sei.

Doch das war noch nicht alles, wie die BZ in Berlin tags darauf zu berichten wusste: „In der 58. Minute foulte der Union-Spieler Robert Andrich den Leverkusener Bailey. Der Jamaikaner wollte sich nicht aufhelfen lassen, daraufhin war über die Außenmikrofone der Satz zu hören: ‚Chill‘ mal, wir sind hier in Deutschland.‘ Andrich hatte das nicht gerufen – unklar, woher der Ruf kam. Und in der 90. Minute wurde Union-Torschütze Cedric Teuchert ausgewechselt. Da beklagten sich die Leverkusener noch beim Schiri. Dieses Auftreten gefiel Teuchert offenbar nicht und er sagte deutlich hörbar: ‚Wir sind in Deutschland, ey.‘“ Der Kontrollausschuss des DFB hatte hinterher ein Ermittlungsverfahren gegen die Union-Profis Florian Hübner und Cedric Teuchert eingeleitet. Hübner wurde aufgrund "unsportlichen Verhaltens" zu einer Sperre von zwei Spielen verurteilt und zusätzlich mit einer Geldstrafe belegt. Die Ermittlungen gegen Cedric Teuchert wurden dagegen eingestellt.

Wir sind hier in Deutschland! Ey! Und gerade in Deutschland ist die Sensibilität für den alltäglichen Rassismus, vor allem im Sport und explizit beim Fußball, so gut wie nicht vorhanden. Es wird höchste Zeit, dass Anthony Ujah bei Union und auch viele andere Kicker in den deutschen Ligen sich endlich über dieses Dogma des DFB hinwegsetzen, das politische Statements verbietet, und endlich Klartext zum Thema Rassismus reden und danach handeln. Kniet nieder! Egal, was der DFB dazu sagt. In Berliner Kreisen, insbesondere bei der Hertha in der Fremde, ist zum Thema „Take-a-knee“ nur ein Spruch populär: „Kniet nieder, ihr Bauern, die Hauptstadt ist zu Gast!“ Sollte das wirklich das letzte Wort zu diesem Thema sein? Wir fordern die Fans aller Ligen auf, diese simple Geste des „Take-a-knee“ gegen rassistische Diskriminierung vorbehaltlos einzufordern. Von allen Kickern, in allen Vereinen. Wenn fußballbegeisterte Kinder damit aufwachsen, diese Geste als selbstverständlich wahrzunehmen, haben die Fans in Sachen Antirassismus schon viel erreicht. Das kann doch nicht so schwer sein!

 

 

 

 

 

 

 

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