Charakterschweini

von Bernd Sautter -

Bastian Schweinsteiger setzt sich für die Automatenwirtschaft ein. Dagegen ist nichts einzuwenden. Außer seine maximale Skrupellosigkeit. 

"Die Menschen gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht," soll der alte Herberger gebrummt haben. Die Mehrzahl unserer Propheten werden vielleicht zustimmen. Sie müssen sich dazu nur ihre Vorhersagen vom letzten August vor Augen führen. Dann erscheint es fast tröstlich, dass man im Zusammenhang mit Fußballwetten von Glücksspiel spricht. Mit dieser Feststellung soll die Leistung der führenden Propheten nicht geschmälert werden. Gleichwohl: Ohne Spielglück geht im Fußball gar nichts. Das bestätigte vor zwei Wochen auch Herberger-Erbe Huub Stevens, der nach dem Spiel gegen Leipzig in fünf Sätzen viermal auf dem "Quentchen Glück" herum knurrte, das leider gefehlt habe. Jetzt, wo Schalke wirklich glücklich gegen Hannover gewonnen hat, vergaß Stevens selbstredend, diese Tatsache zu erwähnen. Es ist ein Mechanismus, der sich im übrigen auch bei Zockern beobachten lässt. Der eigene Sieg ist Zockerkönnen, die eigene Niederlage natürlich nur Pech. Die selbstschützende Sichtweise ist zwar alltäglich, gleichwohl beim Spielen extrem gefährlich. Denn diejenigen, die mit unserem alltäglichen Selbstbetrug rechnen, machen verdammt gutes Geld. Davon soll heute die Rede sein.

Fast etwas untergegangen ist nämlich, dass letzte Woche ein ordnungsbehördliches Verfahren gegen den BVB eingeleitet wurde. Hintergrund ist das Werbeverbot für in Deutschland verbotene Glücksspiele. Verboten sind nämlich die gemeinen Online-Casinos, die die meisten Wettanbieter betreiben und zwar unter selben Webadresse, die auch an den Bundesligabanden genannt wird. bwin, bet365, Sportingbet, betano, beway und wie sie alle heißen machen mit diesen Casinospielen die Leute bettelarm. Fast die ganze Liga bewirbt diese Sauerei unverhohlen. Auch der BVB, wenn er seinen Sponsor bwin präsentiert. Weil man sich an diesen Mist gewöhnt hat, will ich gerne den Unterschied etwas aufdröslen. 

Die Reichen

Mit dem Faktor Glück rechnet sich's im Fußball bestens. 13 von 18 Bundesligavereinen werden von Sportwettenanbietern gesponsort. Zwischen 2015 und 2017 sind die Umsätze nochmal um 25 Prozent gestiegen. Dass die direkte Verbindung problematisch ist, stört offenbar niemand. Bwin unterstützt den BVB, St. Pauli, Union Berlin, Dresden und sogar den DFB. Tipico ist Partner der Bayern und klebt sein Logo auch auf RB Leipzig, den HSV und auf die österreichische Fußballliga. Dabei darf nüchtern festgestellt werden: Die Unternehmen verdienen ihr Geld, in dem sie armen Zockern, die sich in statistischen Dingen weniger gut auskennen, das Geld aus den Taschen ziehen. "Hör auf Deinen Instinkt - mit Betway" werben die einen, und hoffen, dass die Leute drauf reinfallen. "Wir glauben nicht nur an unser Team. Wir wetzen sogar darauf", sagt ein anderer im Werbespot. Die hohlen Sprüche verdeutlichen: Fußballwetten funktionieren, weil man mit der Kurzsichtgkeit der Klientel kalkulieren kann. 

Wenn Oliver Kahn demnächst Uli Hoeneß als Bayern-Präsi ablöst, wird ein leidenschaftlicher Zocker durch einen ersetzt, der andere zum leidenschaftlichen Zocken animiert. Das gesamte System lebt vom Geschäft, das auf dem Rücken der armen Leute ausgetragen wird. Dabei wirken Fußballwetten als Einstiegsdroge. Die Portale machen die starken Gewinne vor allem mit den Online-Casinospielen, die man gleich neben den Sportwetten anklicken kann. In diesen Online-Casinos ist der Gewinn noch besser zu kalkulieren. Und die Zocker, die einmal dran hängen, können mit den üblichen Hütchenspielertricks noch zuverlässiger abkassiert werden. Genau aus diesem Grund ist eine Entkoppelung dieser Angebote unbedingt notwendig.

Weil Fußballspieler auch keine bessere Menschen sind, wechseln auch die Alt-Vorderen liebend gern ins schmierige Milieu, sobald die Karriere beendet ist. Manchmal reicht es schon, weit genug weg zu sein. Podolski reitet auf einem Elefanten. Owomoyela gewinnt mit Sportingbet. Ballack wirft sich für Betfair ins Zeug. Poker-Max und Goldsteak-Franck werden die nächsten sein – man möchte fast drauf wetten. Marktwirtschaft und Wettwirtschaft funktionieren nach dem selben Muster. Die Reichen nehmen die Armen aus. So gut, wie sie nur können.

Die Armen

Vorsichtigen Schätzungen zu Folge dürfen rund 500.000 Menschen in Deutschland als latent glücksspielsüchtig gelten. Die Sucht ist längst eine anerkannte Krankheit. Die Dunkelziffer ist hoch. Etwa die Hälfte der Glückspielsüchtigen wird zu den besonders problematischen Fällen gerechnet. Also definitiv Menschen, die das, was sie spielen, nicht mehr im Griff haben. Diese Menschen leihen sich nicht selten Geld von Freunden und ihrer Familie, falls sie noch eine haben. Denn Spielsucht macht einsam. Angehörige leiden oft am meisten. Nicht nur an heimlich ausgeräumten Konten. Meistens werden Freundschaften und Ehen komplett zerstört. Auch für den volkswirtschaftschaftlichen Schaden, den Spielsucht anrichtet, gibt es eine Zahl. Aber sie lohnt sich nicht zu betrachten, angesichts der schlimmen Einzelschicksale, die am Ende einer Spielsucht stehen. Nicht selten der Selbstmord.

Die Skrupellosen

Es gibt unzählige Gründe, die Spielerei nicht grundsätzlich zu verbieten. Eine gewisse Skrupellosigkeit gehört gleichwohl dazu, wenn man seine Popularität nutzt, um das Problem mit der Spielsucht aktiv zu verharmlosen. Seit einen halben Jahr grinst der ehemalige Kapitän der deutschen Nationalmannschaft für die deutsche Automatenwirtschaft. Die Spielhöllen sind unter Fachleuten als Endstation jeder Spielsucht bekannt. Automatenspiele sind permanent verfügbar, schlucken das Geld in unbegrenzter Höhe und haben weitere Faktoren, die zusammengezählt eine sechsmal höhere Suchtgefahr ergeben. Mit seiner vermeintlichen Aufklärungskampagne spricht Bastian Schweinsteiger all das heilig, was teuflisch gefährlich ist.

Die schweinische Kampagne kommt als edle Aufklärung daher, und ist doch einfach zu durchschauen. Als würde die deutsche Automatenwirtschaft für ein "legales Spiel" kämpfen (Zutritt nur ab 18, kein Alkohol in Spielhallen, geschultes Personal, Spielerschutz und geprüfte Qualität). Doch wer ein x-beliebiges Kampagnenplakat betrachtet, kann sich die Gewichtung mit dem Zollstock erschließen. Rund 97 Prozent der Fläche sind Schweinsteiger und der deutschen Automatenlandschaft gewidmet. Auf etwa 3 Prozent der Fläche wird für das legale Spiel gekämpft. Sogar der Schatten beim Boxen hat eine größere Siegeschance als die Aufklärung in dieser Kampagne.

Gegen die Werbung ist legal natürlich nichts einzuwenden – außer ihre maximale Skrupellosigkeit. Wie die Automatenwirtschaft hat auch Schweinsteiger verstanden, dass der Teufel immer auf den größten Haufen scheißt. Nach gängigen Preisen sollte der Promi für die Kampagne um die 200.000 Euro jährlich kassieren. Ganz legal. Alles einwandfrei, wohlgemerkt. Charakterfragen lassen sich sowieso nicht objektiv beantworten. "In so einer Wettbude wird aus denen, die nichts haben, noch das Letzte rausgepresst", sagte ein Spielhallenmitarbeiter dem Magazin Vice. Vor ein paar Jahren wollten drei U19-Spieler von Hannover 96 eine Spielothek überfallen, um die Spielschulden auszugleichen, die ihr Mannschaftskapitän angesammelt hatte. Diese Spielhallen samt und sonders Sackgassen. Egal, ob man als Überfallkommando eintritt oder als Zocker. Man erkennt sie am Wegweiser Bastian Schweinsteiger. 

Doch die Kritik an unser aller Schweini soll den Blick nicht darauf verstellen, dass sich die gesamte Liga am lukrativen Geschäft mit der Sucht vergeht. Die Forderung des Verwaltungsgerichtes Düsseldorf rasch umzusetzen, ist das Mindeste an Fairness, das die Liga ihrer Kundschaft schuldet. Natürlich geht in diesem Punkt der Verband beispielhaft voran. Im Januar meldete oberste deutsche Heuchlerverband mit Nationalmannschaftsstolz, dass er seine bestehende Partnerschaft mit dem führenden Sportwettenanbieter bwin verlängert. Die Kooperation umfasst künftig Werberechte für den DFB und die Nationalmannschaften für eine Laufzeit vom 1. Januar 2019 bis zum 31. Dezember 2022. Vermutlich wird davon die nächste Fairplay-Kampagne finanziert. 

 

 

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