Alles Wurscht?

von Bernhard Ubbenhorst -

Die hohe Kunst der Schlachterei genießt heutzutage nicht mehr den allerbesten Ruf. Was das mit dem Karma und gar Fußball zu tun hat? Jede Menge …

Seit dem in Clemens Tönnies‘ Schlachthof letzte Woche das Coronavirus die Schlachtbänke erobert hat, wird das blutige Handwerk des Tieretötens und das Zerteilen, Verarbeiten und Portionieren von Tierkadavern auch in der Fußball-Journaille diskutiert. Nicht so, dass es da zuvor keine Berührungspunkte zwischen diesem Handwerk und dem Fußball gegeben hätte. Terry Butcher etwa, lange Jahre bei den Glasgow Rangers für unerbittliche Verteidigungshärte bekannt. Dem traue ich zu, das er alles, was vier Beine hat und nicht Stuhl heißt, ohne mit der Wimper zu zucken auch mit bloßen Händen schlachtet - obwohl er nur Butcher heißt und diesen Beruf nie erlernt hat.

Oder man denke dabei an die klassische Stadionbratwurst. Für viele Fans gehört sie zum Kult rund um das Fußballspiel. In süddeutschen Stadien ist die Nürnberger Rostbratwurst sehr beliebt und wird senfgarniert gern gleich im Dreierpack zwischen die Semmelhälften geklemmt. Damit die Versorgung etwa bei den Clubberern in Nürnberg gewährleistet ist, produziert der dort ansässige Fleischerei-Betrieb HoWe täglich 4 Millionen (!) von diesen kleinen, fettigen in Schafdünndärme gepressten, mit Majoran gewürzten Schweinefleischportionen. Da fragt man sich doch, was mit dem ganzen Rest der Schafe um die Därme herum passiert ist. Der Geschäftsführer des Unternehmens könnte diese Frage vielleicht beantworten. Er heißt Florian Hoeneß und ist Sohn des Metzgersohns Uli Honeß. Womit wir wiederum beim Fußball wären.

Hoeneß ist aber neben Tönnies nicht der einzige Metzgersohn im deutschen Fußballbetrieb. Vor zwei Tagen hat sich Christian Streich, Trainer des SC Freiburg und Spross einer Metzgersfamilie aus dem südbadischen Eimeldingen, in einem Interview mit einem Sportmagazin in Sache Fleischkonsum positionieren müssen. Auf die Causa Tönnies und die Zustände in der Fleischproduktion angesprochen, hat er eine klare Meinung:

„Es muss nicht jeder selbst ein Tier töten. Aber jeder muss sich im Klaren darüber sein, dass das dafür gemacht werden muss. Dann kann man den Wert darin sehen. Wenn man dann ein Schnitzel essen will, dann von einem Tier, das nicht das ganze Leben lang gequält wurde. Das schlägt zurück auf die Menschen und die Psyche. Das hört sich esoterisch an, aber davon bin ich fest überzeugt. Wir alle sollten schauen, dass wir verantwortungsvoll mit den Tieren umgehen.“

Man fragt sich schon, warum die Zustände in deutschen Schlachtbetrieben nun plötzlich auch ein Thema für Sportinterviews sind. Klar, Christian Streich kam ja nicht auf der Metzelsupp dahergeschwommen. Ihn kann man alles fragen und erhält stets höggschst vernünftige Antworten. Doch komisch ist es schon. Kann mich nicht erinnern, dass der Essener Bergmannssohn und gelernte Anstreicher Otto Rehhagel jemals in Interviews zu berufsspezifischen Dingen wie etwa dem Zechensterben oder Ähnlichem befragt wurde oder etwa zum Niedergang der Maler- und Tapeziererbranche.

Wie dem auch sei, es ist gut, dass man den Metzgersohn Streich und nicht Hoeneß zum Schlachtthema befragt hat. Da wäre nichts Sachdienliches dabei herausgekommen. Und bestimmt kein Hauch von Kritik an Schlachthöfen oder am Schlachten an sich.

Christian Streichs Kritik lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Wer als Schnitzelesser aufs Tierwohl scheißt, darf sich nicht wundern, wenn das Karma irgendwann gnadenlos zurückschlägt. Und wer als Schlachter und Schnitzellieferant dazu noch aufs Menschenwohl seiner Mitarbeiter scheißt, bei dem schlägt das Karma doppelt hart zurück, sollte man meinen. Wenn man dabei an Tönnies denkt, wäre es nicht verwunderlich, wenn nun Verschwörungsideologen einen karmabedingten Zusammenhang mit der seit längerem andauernden, sportlichen Talfahrt des FC Schalke 04 konstruieren. Die Mannschaft zerlegt sich ja Woche um Woche Amthor-mäßig auf mysteriöse Weise nach allen Regel der Kunst vollkommen von selbst. So nach dem Motto: Eh, alles Wurscht. Und es wäre auch auch nicht verwunderlich, wenn die Fans in den Stadien nach dem Kurven-Shutdown demnächst die Hurensöhne dieser Welt links liegen lassen und nur noch „Clemens Tönnies! Metzgersohn!“ skandieren, falls ihnen der unterkommen sollte.

Das ganze Thema stinkt jedenfalls zum Himmel und die Bluthunde der Boulevard-Hetzpresse haben längst die Witterung aufgenommen. Mit feiner Spürnase lauern sie vor den Türen der Schalke-Arena, um nach dem Knochen mit den größten Fleischfetzen zu lechzen, wenn die Schalker sich mal wieder von einem eigentlich schlechter positionierten Gegner vor eigenem Geisterpublikum haben abschlachten lassen. Schalke liegt samt Präsident am Boden und ist nun ein leichtes Opfer. Einen von den jüngeren Bluthunden, den langjährig für Schalke zuständigen Bild-Reporter Marc Siekmann, hat man nun eingelassen und ihm gleich den zuvor vakant gewordenen Posten des „Leiters Sportkommunikation“ angedient. Kein schlechter Schachzug, wenn man einen ehemaligen Beißer als Metzgerhund mit Maulkorb im Hause hat, der weiß wie die Meute da daußen tickt.

Eine feste Regel für die Außenkommunikation dürfte wohl ab sofort gelten. Nicht nur, weil man sich auf das Sportliche konzentrieren möchte, ist das Thema Schlachten auf Schalke nun vermutlich tabu. Man kann dem neuen Pressesprecher Siekmann nur wünschen, dass ihn nicht der alte Bild-Beißreflex übermannt und er sich nach verlorenem Match erdreistet zu sagen: „Wir haben uns um Kopf und Kragen gespielt“ oder „uns wehrlos abschlachten lassen“ oder etwa, „jetzt geht’s für uns um die Wurst“. Dann wird er zwar nicht gleich gevierteilt, zerlegt und filetiert, aber er hat ganz bestimmt schlechtere Karten für die Zukunft. Das Karma vergisst bekanntlich nichts. Auf Wiederschnitzel!

 

 

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