Direkte Demokratie

von Bernd Sautter -

VfB-Chefkritiker und Prophet Christian Prechtl bei der Arbeit

Ich schreib' nichts mehr über Dietrich. Ich schreib nichts mehr über Dietrich. Ich schreib nichts mehr über... Okee, ich hab verloren. Ich schreib's doch.

"Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegen stellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht." Von Georg Schramm ist nicht bekannt, dass er sich für Fußball interessiert, aber an der VfB-Mitgliederversammlung am Sonntag hätte er seine helle Freude gehabt. Rund 4.000 zornige Schwaben haben dort die direkteste aller Demokratien zelebriert, in dem sie ihren Präsidenten nach allen Regeln der Kunst aus der Manege führten. Wäre das W-LAN nicht vorher in die Knie gegangen, wären wohl einige smartphones zu Schaden gekommen - vor lauter Verve, mit dem die Mitglieder den Dietrich-Raus-Button gedrückt hätten. Die Konfrontation war maximal direkt. Ein kleines Häufchen ausgesuchter Mandatsträger saß der großen Tribüne an Mitgliedern ausgeliefert gegenüber. Die Dietrich-Gefolgschaft hatte noch gehofft, dass der ungleiche Kampf nach 12 Runden an sportlichen Redebeiträgen beendet sein würde. Doch über den Abbruch konnte aus technischen Gründen nicht abgestimmt werden. W-LAN down. Dabei war Ex-Präsi Dietrich bereits mit seinen Nehmerqualitäten am Ende. Sein Abschiedsstatement am folgenden Morgen offenbart: Er rechnete damit, dass ein Abbruch der Aussprache sein Amt gerettet hätte. Aber es ging weiter. Unerbittlich. Dietrich ging k.o. Verkündet durch sein uneinsichtiges Statement am nächsten Morgen.

Aber den Hoeneß-Vergleich, den lass ich sein.

Innerhalb von nur drei Jahren hatte es der Präsident geschafft, in der Stuttgarter Beliebtheitsskala tiefer zu fallen als Uli Hoeneß. Dietrich war angetreten als Hoffnung der selbsternannten Stuttgarter Wirtschaftskapitäne. Er sollte beweisen, dass es nur geballter unternehmerischer Kompetenz bedarf, um ein Wirtschaftsunternehmen nach vorne zu führen, ein Unternehmen wie es ein Sportverein in der heutigen Zeit nun mal darstellt. Dietrich träumte laut, seinen VfB in Deutschland an Nummer 3 zu führen - und er fand nicht wenige, die diesen Tagtraum teilten. "Ja zum Erfolg" erkor er zum Slogan seiner Ausgliederungskampagne. Schon damit war klar: Seine Strategie ist darauf ausgelegt, die Fans für dumm zu verkaufen. Geld schießt zwar Tore, aber vergleichsweise lächerliche 41,5 Mio, die der Nachbar Daimler überwiesen hatte, reichen dafür lange nicht. Zumal er die Milliönchen zum großen Teil verbrannte. Gebetsmühlenartig verwies der Präsident auf sogenannte beste "Rahmenbedingungen". Mag sogar sein. In den Büchern blieben Verluste. Finanziert via Ausgliederungserlöse, die man - anders ausgedrückt - auch als Ausverkauf der inneren Vereinswerte bezeichnen kann. So segensreich eine Ausgliederung ist (weil sie auch den Verein schützt), so fatal ist es, wenn das Budget von unterkompetenten Machern ausgegeben wird.

Und keine ollen Kamellen, es muss auch mal gut sein.

Auch zu gesellschaftlichen Werten pflegte Dietrich ein distanziertes Verhältnis. Als sein Sportchef die Fans als "ahnungslose Vollidioten" bezeichnete, mag Dietrich heimlich Beifall gespendet haben. Als selbiger Mitarbeiter bezeugte, dass "Wahrheitsbeugung" zu seinem Handwerk gehöre, dachte er gewiss an seinen Präsidenten. Unter Dietrichs Verantwortung sollte eine Veranstaltung "VfB im Dialog" dafür sorgen, dass Fans zu Wort kommen. Aber Dietrich orchestrierte den Event geschickt. Meistens kamen nur ausgewählte Claqueure in die Nähe des Mikrofons. Wenn kritische Fans ihn ansprachen, stellte er die Ohren auf Durchzug. Körperlich war er anwesend. Doch wenn es kritisch wurde, kämpfte mit einem inneren Unverständnis, das er nicht abstellen konnte.

Hofberichterstattung. Das behaupte ich nicht, das fällt mir irgendwann auf die eigenen Zehen.

Wie ein Traditionsverein funktioniert, diese Lektion wollte er nie lernen. Für den Präsidenten waren nur diejenigen Mitglieder wichtig, die frisch eingetreten waren. Mit dieser Zahl schmückte er sich gerne. Er interpretierte ihren Eintritt als Zustimmung. Reden wollte er lieber nicht mit ihnen. Stattdessen pflegte er seine Verbindungen zu ausgesuchten Stuttgarter Journalisten. Sie sprangen ihm gerne mit einem Kommentar zu Seite, wenn er es als notwendig erachtete. Kritische Berichterstatter waren selten zugegen in den letzten Jahren, wenn der VfB zur PK bat. Sie konnten, durften oder wollten nicht kritisch schreiben. Auch der SWR puderte seinen Quotenbringer VfB nach allen Regeln der nachbarschaftlichen Sympathie.

Überhaupt war Dietrichs Präsidentschaft auf perfekte Vernetzung ausgerichtet. Aber zum Netzwerk zählten vor allem diejenigen mit fettem Geldbeutel. So ist der Chef des VfB-Freundeskreises Jürgen Schlensog einer der wenigen, der sich bei Dietrich für das Engagement bedankt. Schlensog wörtlich: "Wolfgang Dietrich hat von der ersten Stunde seiner Amtszeit an versucht, das Beste zu leisten. Hinter den Überschriften seiner Agenda sind viele Haken zu setzen. Einige fehlen." Tatsächlich kann man dem Ex-Präsi Engagement und Wirkung nicht absprechen. Doch ein Präsident, der von Tag eins seiner Amtszeit all-in geht, ist nicht zu retten, wenn er ohne Coins vom Tisch der ersten Bundesliga gefegt wird.

Nicht die eigenen Kumpels gut darstellen, das wär echt billig.

Die direkte Konfrontation mit denen, die er drei Jahre verachtete, konnte er nicht mehr kontern. Er war konsterniert als die Menschen Gestalt annahmen, die er zuvor der anonymen Hetze im Netz bezichtigte. Jetzt standen sie vor ihm, und wirkten stärker als er selbst. Sachlich und souverän trugen Podcaster, Blogger und viele engagierte Mitglieder ihre Argumente vor. Der 18-jährige Tim Artmann zerpflückte genüsslich den Quattrex-Komplex. Der 70-jährige Opa auf dem Präsidentenstuhl wurde blass und blasser. Der langjährige VfB-Aktivposten Christian Prechtl setzte in gewohnter Brillanz nach. Twitter-Wortführer "Blutgrätscher" spielte sauber auf. Podcaster Ron Merz überzeugte live. Danny von den VfB-Ultras und andere respektable Mitglieder gaben dem Präsidenten das zurück, was sie an Verachtung drei Jahre lang ertragen mussten. Plötzlich neigte sich die One-Macher-Show ihrem Ende zu. Als Ex-Trainer Rainer Adrion im sportlichen Bereich nachsetzte, hatte Dietrich schon längst auf jede Erwiderung verzichtet. Er hoffte inständig, das W-LAN möge ihn retten. Aber die Technik ließ ihn im Stich, wie sie bei den VfB-Profis versagten, als sie 0:6 in Augsburg untergingen.

Der Zorn der Mitglieder ersetzte die Abstimmung. Zum Schluss schienen die 75 Prozent, die für seine Abwahl notwendig gewesen wären, sogar im Bereich des Möglichen. Schon bei seiner Wahl vor drei Jahren wunderten sich manche, wie der Kandidat Dietrich runde 57 Prozent erzielen konnte. Wenig, wenn man bedenkt, dass er keinen Gegenkandidaten hatte. Viel, wenn man sich an die Stimmung in der Halle erinnert.

Mann, keine Romane. Komm' endlich zum Punkt

Sein erzwungenes Ende auf der Mitgliederversammlung markiert keinesfalls den Anfang der VfB-Chaostage, wie manche behaupten, sondern deren Ende. So gerecht das Ende seiner Präsidentschaft erscheint, so wichtig ist nun, dass alle die richtigen Schlüsse ziehen. Jetzt wird sich zeigen, ob sich die anderen VfB-Mandatsträger absichtlich hinter dem großen Macher Dietrich versteckten, oder ob sie mehr bewegen können. So schwer es fällt, wenn man nach Jahren verordneter Einstimmigkeit plötzlich die Freiheit zum selbständigen Handeln erhält. Tatsächlich könnte sich nun offenbaren, dass nicht alle Orgelpfeifen sind, die beim VfB auf den vorderen Stühlen sitzen. Möglicherweise haben manche sogar was drauf. Jetzt schlägt ihre Stunde. Ganz eventuell haben auch Wilfried Porth und Hartmut Jenner am Sonntag gelernt, dass die Verachtung der eigenen Fans kein guter Ratgeber ist. Doch zunächst ist der Vereinsbeirat an der Reihe. Er nominiert den Nachfolger. Die weiß-rote Gemeinde freut sich jedenfalls auf einen Präsidenten, der die Werte des VfB als Sportverein und gesellschaftlicher Akteur vorlebt. Leider kann man Thomas Hitzlsperger nicht nochmal befördern. Der wird an anderer Stelle dringend gebraucht. Sein Konzept "Teamplayer" kann sich nun ungestört entfalten. Nicht nur VfB-Fans würden sich wünschen, dass dieser zeitgemäße Ansatz mit Erfolg belohnt wird – auf dem Platz, auf den Rängen und mit dem Zusammenwachsen der verschiedenen VfB-Lager.

Völlig un-zornige Schlussbemerkung: Man darf vermuten, dass der Tag des Dietrich-Rücktritts identisch ist mit dem Tag, an dem die meisten Vereinseintritte zu verzeichnen sind.

 

 

Hoppla... Richtigstellung vom 17.7. Der gute "Blutgrätscher" twitterte wohl eifrig aus dem Publikum heraus. Auf dem Podium überzeugte der ebenfalls formidable "Rey Bucanero", aus einer durchaus artverwandten Twitterblase stammend. Sorry wegen der Verwechslung.

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