Gute Reise, Atli!

von Bernhard Ubbenhorst -

Gestern ist die isländische Fußballerlegende Atli Edvaldsson im Alter von 62 Jahren in Reykjavik gestorben. Erinnerungen an einen bemerkenswerten Menschen.

Es gab Zeiten, da gehörte zu meinen Samstagnachmittagen das feste Ritual, das Schuhwerk zu pflegen und nebenher im Transistorradio auf WDR2 das Live-Geschehen in der Bundesliga zu verfolgen. Das waren die Zeiten, als die Stadien noch so hießen, wie sie schon immer hießen und zwei Punkte einen Sieg noch ausreichend honorierten. Die Dramatik eines Bundesliaga-Spieltags live im Hörfunk war damals nur noch durch das Stadionerlebnis selbst zu toppen. An die Schlusskonferenz des 34. Spieltags der Saison 1982/83 am 6. Juni erinnere ich mich noch bestens.

In Erinnerung geblieben ist sie mir nur wegen Atli Edvaldsson. Jedesmal wenn die Meldung "Tor in Düsseldorf!" kam, war Atli der Torschütze. Der Hattrick des "Wikingers" bei der Fortuna in der ersten Halbzeit wurde von den Kommentatoren schon zur Sensation hochgejazzt. Als er dann in der zweiten Hälfte noch zwei weitere Tore zum 5-1-Sieg gegen die Frankfurter Eintracht nachlegte, geriet die Meisterschaft des HSV beim WDR komplett zur Nebensache. Klar, da war etwas Historisches passiert. Und das ausgerechnet in Düsseldorf. Fünf Tore in einem Spiel, das hatten vor ihm in der Bundesliga nur wenige geschafft und erst recht kein Ausländer. Atli Edvaldsson war in den frühen Achtzigern sowas wie ein Superstar, zumindest in Düsseldorf. 1,95 m groß, kopfballstark, schnell, wendig, trickreich und dazu anscheinend immer freundlich und gut gelaunt. Es gab für mich in der Zeit kaum einen sympathischeren Spieler als ihn.

2007, nicht ganz 25 Jahre später war ich deshalb entsprechend aufgeregt, als ich mich während meiner Zeit in Island mit Atli zu einem Interview in Reykjavik verabredet hatte. Das 11Freunde-Magazin wollte von mir einen Artikel über den isländischen Fußball und dazu galt es, einige ehemalige isländische Bundesliga-Fußballer zu befragen. Es war anfangs schwierig mit ihm einen Termin zu vereinbaren, weil Atli als Mitarbeiter der Allianz-Versicherung in der isländischen Niederlassung offensichtlich sehr beschäftigt war. Er rief mich gleich mehrmals an, um mir auf äußerst humorvolle Weise zu erklären, warum er gerade mal wieder keine Zeit habe, ohne dass wir überhaupt schon einen Termin vereinbart hatten. Dass er sich so engagiert selbst um diesen Termin bemühte, fand ich sehr rührend. Ich hatte den Eindruck, dass er sich darauf freute. Andere isländische Fußballgrößen mit Bundesliga-Vergangenheit standen, mit Ausnahme von Asgeir Sigurvinsson, für Interviews entweder gar nicht zur Verfügung, oder speisten mich am Telefon mit kurzen Statements ab.

Eines Abends war es dann soweit. Das genaue Datum erinnere ich nicht mehr, es muss aber Mitte September 2007 gewesen sein. Atli rief nachmittags an und fragte ob ich abends etwas Zeit für das Gespräch hätte. Die seriöse Variante, sich auf einen Kaffee im Café Paris zu treffen, wie ich es mit Asgeir Sigurvinsson gehalten hatte, war nicht nach seinem Geschmack. 'Wir Deutschen trinken doch lieber ein Bier, in einer richtigen Kneipe', erklärte er dazu. Mein Stammlokal in Reykjavik, das Ölstofan in der Vegamotstigur, war ihm dazu gerade recht, dort sei er doch auch schon länger nicht mehr gewesen. Wir verließen uns darauf, dass ich ja wusste wie er aussieht, um uns nicht zu verpassen. Um 19 Uhr wartete ich dort gespannt auf ihn und sehr gut vorbereitet auf das Interview. Um 20 Uhr klingelt vibrierend das Taschentelefon. Ein Anruf, endlich. Atli! Er sagte, er verspäte sich etwas. Das Lokal füllte sich zusehends, der Lärmpegel stieg und ich hatte das Interview nach meinem vierten Bier schon fast abgeschrieben. 21 Uhr. Atli ruft wieder an und sagt: Ich bin da! Wo bist Du? Meine Antwort: Ich sitze neben Dir! Du brauchst nicht so zu schreien! Im Gewühl vor dem Tresen war mir der lange Atli gar nicht aufgefallen.

Atli hatte zwei Kollegen von der Allianz im Schlepptau und offensichtlich war das Ölstofan nicht ihre erste Station für das gepflegte Feierabendbier. Wir haben uns dann etwa anderthalb Stunden lang unterhalten. Ich habe dabei sehr viel über ihn erfahren, nur mit Fußball hatte das alles nichts oder nur ganz am Rande zu tun. Der als Fußballer weit gereiste Atli erzählte mir von seinen unterschiedlichen Lebensstationen in Europa, was ihn dabei prägte, was er an Deutschland so mag und warum ihm diese Erfahrungen so wichtig seien. Er sagte dazu, dass es für jeden jungen Isländer eine Zeit des Reisens gebe, in der er in die Welt hinaus müsse, um sich als Mensch weiterzuentwickeln und neue, für das Leben wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Irgendwann nimmt die Reise ein Ende und jeder Isländer kehre wie von einem Magneten angezogen auf seine Insel zurück. Das hätten die Vorfahren der Isländer, die Wikinger, ja schon genauso gemacht, in die Welt hinausziehen, möglichst viel und vor allem das Wertvollste ohne zu fragen mitnehmen und dann reichbeladen wieder zurück, erklärte er, natürlich unter lautem Gelächter.

Das war eines dieser Gespräche, wo ich am Ende denke: Mensch, was für ein feiner Kerl! Ich war schwer beeindruckt. Die für den Fußballtext relevanten Dinge musste ich ihm dann in einigen Telefonaten hinterher entlocken.

Kurz nach unserem Gespräch am Tresen folgte eine weitere Episode, die den Charakter dieses "feinen Kerls" viel besser beschreibt als alles andere, was es seitenlang über Atli zu schreiben gibt. Der Journalist und Fortuna Düsseldorf-Fan Thorsten Schaar vom 11Freunde-Magazin hatte kurz zuvor im Juni 2007 einen kurzen Text als Hommage an Atli Edvaldsson geschrieben, den ich in hier in aller Kürze gern mal mal kurz zitiere:

Atli Edvaldsson, Du Kleinod! Als ich noch ein Dreikäsehoch war und in den Schlüpfer machte, wurde mir ganz blümerant, als mich Atli Edvaldsson einmal auf den Arm nahm. Die Begebenheit ist übrigens verbürgt und fotografisch dokumentiert; zwei Meter neben uns steht Josef "Sepp" Weikl und schaut bierselig in die analoge Kamera. Das schicksalsträchtige Zusammentreffen ereignete sich - wie auch anders möglich? - bei einer Saisoneröffnung von Fortuna Düsseldorf. Im Stadion war seither jeder Kopfball des Isländers, der zuvor bei Valur Reykjavik und Borussia Dortmund gespielt hatte, ein Labsal für meine Seele. Gerne würde ich seine schönsten Tore heute noch einmal in einem lokalen Lichtspielhaus zeigen; alleine im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt gelangen ihm stolze fünf Treffer. 21 standen am Ende der Saison 1982/83 in der Torjägerliste des kicker-Sportmagazin; nur Rudi Völler hatte bundesweit zweimal mehr eingenetzt. In der Historie aller Stürmer im rot-weißen Trikot war er trotz ! seiner stattlichen 1,95 Meter ein wahres Kleinod, einer für die besonderen Momente: Einmal erzielte er im Intertoto-Cup sogar ein Tor mit einem Socken. Im vorausgegangenen Zweikampf hatte er den Schuh verloren. Der Schiedsrichter konnte das Tor leider nicht anerkennen. Später stand er noch beim KFC Uerdingen unter Vertrag, schaffte aber nur noch zehn Tore, obwohl er drei Jahre dafür Zeit hatte. Wenn mich heutzutage jemand bauchpinseln möchte, braucht er lediglich meinen alten Augenstern erwähnen. Eigentlich bete ich fast täglich zum Fußballgott, dass Fortuna 95 einmal das Glück hold sein möge. Ich hoffe, dass mich schon bald fernmündlich die Nachricht erreicht, dass das Kopfballungeheuer wieder zurückkehrt, als Trainer. In der Landeshauptstadt hat der ehemalige Übungsleiter der isländischen Nationalmannschaft aber auch ohne zweites Engagement seine Spuren hinterlassen. So haben dort in den letzten Jahren zwei nicht miteinander bekannte Mädchen jeweils ihr Meerschweinchen bzw. ihren Mümmelmann nach ihm benannt.

Atli kannte auf telefonische Nachfrage diesen Text noch nicht und ich schickte ihm diesen umgehend per E-mail zu, mit den Worten:

"Eine sehr schöne Geschichte. Wenn Du es gelesen hast, weißt Du, die haben Dich dort in Deutschland nach all den Jahren nicht vergessen."

Seine Antwort kam prompt:

"He he he! Ja und ich kann mich auch erinnern an diesem kleinen Jungen. Ich glaube ich habe eine Foto fon uns. Es war in eine Düsseldorfer Zeitung. - Gruss Atli".

Danach bat ich ihn, das doch Thorsten Schaar auch persönlich per E-mail mitzuteilen. Das hat der "feine Kerl" natürlich umgehend getan und, so glaube ich jedenfalls, den 11Freunde-Kollegen damit sehr glücklich gemacht.

Wenn die isländischen "Wikinger" früher nach langer Reise auf ihre Insel zurückkehrten und das Reisen danach den Jüngeren überließen, stand ihnen nach ihrem nordischen Glauben nur noch eine Reise bevor, die ins Jenseits. Dazu bestattete man sie gut ausgerüstet in einem Boot. Das macht man heute auf Island natürlich nicht mehr so, aber trotzdem wünsche ich "Atli dem Wikinger" nun nur das Beste für seine allerletzte Reise. Góða ferð, Atli! 

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