Manchester, Fußball und die IRA

von Bernhard Ubbenhorst -

Am 6. November 1920 brannte die Tribüne des „Hyde Road Stadiums“ von Manchester City FC lichterloh. Eine brennende Zigarre war die Ursache. So lautet bis heute die offizielle Version. Doch war das wirklich so?

Die Hyde Road ist eine der vielen Ausfallstraßen, die Manchesters Innenstadt mit den industriell geprägten Vororten in Greater Manchester verbinden. Sie führt Richtung Südwesten und zwischen den Siedlungen Ardwick und West Gorton erstreckt sich nördlich dieser Achse eine großflächige Industriebrache entlang der Bahnstrecke, die Manchesters Piccadilly Station mit dem Süden Englands in Richtung Stockport verbindet. Nördlich der Schienen, auf Höhe der Bennett Street, war von 1888 bis 1923 der Manchester City FC zuhause, im sogenannten „Hyde Road Stadium“, das in damaliger Zeit von vielen alternativ auch „Bennett Street“ genannt wurde. Heute residiert dort in wenig einladender Lage zwischen Industrieruinen und stillgelegten Bahnschienen ein Logistikunternehmen für den Umschlag von Stückgutfracht. Es ist einer der vielen „Lost Places“ in der postindustriellen Landschaft von Greater Manchester.

Zu seiner Blütezeit war das 1888 erbaute „Hyde Road Stadium“ jedoch Schauplatz einiger der vielen historischen Momente der englischen Fußballgeschichte. So auch am 27. März 1920. Wenige Monate vor dem verheerenden Brand der Hauptribüne im November des gleichen Jahres, hatte sich King George der Fünfte als allererster Herrscher des britischen Königshauses dazu herabgelassen, mal einem Fußballspiel außerhalb Londons beizuwohnen. Die Citizens spielten damals an der Hyde Road gegen den Liverpool FC und gewannen das Spiel 2-1.

Dieser royale Groundhopping-Trip muss dem Monarchen wie eine Reise in eine andere Welt vorgekommen sein. Denn auch damals schon, zur Blüte der industriellen Zeit, bot die Umgebung des „Hyde Road Stadiums“ an der Bennett Street keinen besonders hohen Erholungswert. Umringt von zahlreichen Bahnlinien, Arbeitersiedlungen und den rauchenden Schornsteinen der dampfkraftbetriebenen Industrieunternehmen lag das Stadion in sehr beengter und schlecht belüfteter Lage. Der Besuch King George des Fünften in einer von Manchesters Fußballkathedralen war nicht zuletzt auch politisch motiviert. Das während der Nachkriegszeit gestiegene Klassenbewusstsein der Arbeiterklasse im industriell geprägten Norden Englands hatte das gesellschaftliche Gefüge ordentlich durcheinandergewirbelt. Der proklamierte Nationalismus und Royalismus reichten als klassenverbindender, gesellschaftlicher Kitt nicht mehr aus. Dem „Pride of the North“, dem Stolz dieser prosperierenden Industrieregion, musste der König hin und wieder auch persönlich seine Referenz erweisen.

Der königliche Besuch hat selbstredend vielen aus der darbenden Arbeiterklasse damals nicht unbedingt gefallen und mutmaßlich am wenigsten den zahlreichen Arbeitern, die als Einwanderer aus Irland in der gesellschaftlichen Hackordnung der Industriestadt Manchester ganz unten angesiedelt waren. Zur gleichen Zeit spielten sich doch aufgrund des anglo-irischen Unabhängigkeitskrieges von 1919 bis 1921 in ihrer Heimat Irland Szenen von zuvor nie gesehener Grausamkeit ab, die im Namen dieses Königs geschahen. Irische Arbeiter waren im Norden Englands bereits seit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert allgegenwärtig. Noch heute kann in Manchester daher etwa ein Drittel der Bevölkerung auf eine irische Abstammung verweisen. 1919 riefen die katholischen Abgeordneten von Sinn Féin die Republik Irland aus und gründen ein unabhängiges irisches Parlament, den Dáil Éireann. Der wurde kurz darauf von der englischen Regierung wieder verboten und danach nahm ein blutiges Drama seinen Lauf, das bis in die 2000er Jahre hinein trotz vieler Waffenstillstände und Abkommen niemals wirklich endete und dessen Folgen Engländer und Iren bis heute, aktuell wieder wegen der Brexit-Problematik in Nordirland, immer noch beschäftigen.

Einer der Induktionskeime dieses Konfliktes war am 20. März 1920 die Ermordung von Tomás MacCurtain, dem Lord Mayor von Cork. Polizisten der Royal Irish Constabulary hatten ihn in seinem Wohnhaus vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder erschossen. Das brutale Ereignis radikalisierte den Widerstand gegen die Engländer in Irland abermals und so auch in den irischen Arbeitergemeinden im Exil der englischen Industriestädte. Nach dem Attentat auf MacCurtain pinselten Mitglieder der republikanischen „Irish Volunteers“ das Graffiti ‘Huns Murder Lord Mayor MacCurtain’ in allen Straßen auf die Wände. Es ist nicht überliefert, doch es ist naheliegend, dass sie auch King George dem Fünften eine Woche später, bei seinem Besuch im „Hyde Road Stadium“ bei den Citizens, nicht verborgen geblieben waren.


In der Folge gipfelte das Geschehen in Irland in der Gründung der „Irisch Republikanischen Armee“ (IRA) durch Michael Collins, dem Gründer der „Irish Volunteers“, und dem fortan erklärten Ziel, die Engländer aus Irland herauszuwerfen. Nach wenigen Monaten hatte die der katholischen Partei Sinn Féin nahestehende Befreiungsarmee zahlreiche Kämpfer rekrutiert, unter anderem auch für ein in den Industriestädten Englands operierendes Untergrundnetzwerk. Diese Undercover-Einheiten wurden „Companys“ genannt. Deren Spezialität waren unter anderem Brandanschläge auf öffentliche Institutionen, um den Engländern auch direkt und vorort die Realität und Brutalität des anglo-irischen Unabhängigkeitskrieges zu vergegenwärtigen. Bevorzugte Ziele dieser Anschläge waren 1920/21 Handelseinrichtungen, Hotels, Polizeistationen, Kasernen und Verwaltungsgebäude. Dazu geriet auch der Sport in ihr Visier, etwa die Stadien für Fußball und Hunderennen, und selbst Golfplätze blieben nicht verschont.

Allein in Liverpools Hafendocks brannten in der Nacht zum 27. November 1920 18 Waren- und Lagerhäuser. Es war die Antwort auf den „Bloody Sunday“ am 21. November 1920, eine Woche zuvor in Dublin, bei dem zahlreiche Menschen starben, auf Seiten der IRA und auf der aus England entsandter Truppen, damals „Blacks and Tans“ genannt. Auch die von einem Mann namens Charles Harding geführte „No. 2 Company“ in Manchester blieb nicht untätig. In später veröffentlichten Akten, in denen die Anträge auf Pensionsansprüche ehemaliger IRA-Kämpfer dieser Zeit dokumentiert sind, wurden Historiker dazu fündig. Der Brand der Haupttribüne des „Hyde Road Stadiums“ geht mutmaßlich auf das Konto der IRA. Der ab 1924 nun freie Staat Irland hatte den Kämpfern für die Unabhängigkeit bereits sehr früh in einem Gesetz Pensionsansprüche für erlittene körperliche Schäden im Kampf oder während einer Haft zugesichert. In der Folgezeit wurden alles in allem 82000 dieser Anträge auf Pensionszahlungen gestellt, die es für die Antragsteller detailliert zu begründen galt. Einer dieser Anträge brachte die Hyde-Road-Sache ans Licht.

Ein gewisser Thomas Morgan bezichtigte sich seit 1939 in seinen Anträgen für derartige Pensionsansprüche mehrmals selbst, zusammen mit Charles Harding, dem bereits genannten Anführer der IRA-Company No. 2 in Manchester, und sechs weiteren Kämpfern die Tribüne des Manchester City Stadiums am 6. November 1920 in Brand gesteckt zu haben. Morgans angebliche Mittäter, Harding und ein gewisser Joseph Flood, hatten jedoch in ihren eigenen Anträgen zwar viele andere, jedoch niemals speziell diesen Brandanschlag erwähnt. Trotz bleibender Restzweifel an Morgans Selbstbezichtigung ist diese Erklärung für den Brand an der „Hyde Road“ weitaus plausibler als ein weggeworfener Zigarrenstummel. Laut einem Zeitungsbericht zum Brand stand nämlich „die Tribüne von einem bis zum anderen Ende bereits im Vollbrand“, als die alarmierte Feuerwehr an der Hyde Road eintraf. Was ohne Brandbeschleuniger schlicht unmöglich ist. Die offizielle Version von der glimmenden Zigarre passt zudem zur englischen Politik der damaligen Zeit, in der man der IRA solche sinnstiftenden Fanale ganz bestimmt nicht ohne Not zuschreiben wollte.

Die lokale Konkurrenz der Citizens, der Manchester United FC und das „Old Trafford“, waren dagegen im März 1920 tatsächlich und aktenkundig Ziel eines Brandanschlags der IRA. Es blieb jedoch beim Versuch. Dabei spielte ein gewisser Paddy Fennell die Hauptrolle. Er und vier seiner Komplizen wurden von einem Wachpolizisten auf frischer Tat im Stadion ertappt und schossen auf ihn, bevor sie die Flucht ergriffen. Die IRA-Brandstifter ließen mehrere Flaschen des Brandbeschleunigers Paraffin zurück. Paddy Fennell dazu auch noch seine Brieftasche. Darin enthaltene Dokumente überführten ihn und schließlich auch seine Mittäter, die, wie er, allesamt zu langen Haftstrafen für den misslungenen Brandanschlag auf das Old Trafford Stadium verurteilt wurden.

Manchester City hatte dank der IRA infolge des Brandanschlags 1923 endlich das damals langersehnte größere Stadion bekommen: das von Archibald Leitch entworfene Maine Road Stadium in Moss Side, damals auch „Wembley of the North“ genannt. Auch sonst haben die beiden großen Fußballclubs in Manchester diese Attacken der IRA in den folgenden Jahrzehnten offensichtlich nicht groß nachgetragen. Irische Fußballer spielten bei den Citizens und bei den Reds schließlich immer wieder herausragende Rollen. Von Billy Walsh, Paddy Fagan und Mick McCarthy bei City bis hin zu Ashley Grimes, Paul McGrath, Denis Erwin und Roy Keane bei ManU, um nur einige von vielen zu nennen.

 

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