Toooooor... und dann?

von Bernd Sautter -

Schon alles analysiert für die beste Prophezeiung, die die Liga je gesehen hat? Rückrundentabelle, Trainerphilosphie, Marktwerttabelle, DFB-Pokal-Ergebnisse – wirklich alles im Blick? Dann liefern wir das letzte, das ultimative Entscheidungskriterium für die Leistungen der Bundesligisten in der kommenden Saison: Wir präsentieren die aktuellen Torhymnen der Bundesliga.

 

Fußball und Musik pflegen ein schwieriges Verhältnis. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Die Leute treffen sich im Stadion um Fußball zu schauen, und nicht um Musik zu hören. Würde man sich bei einem Konzert umhören, zu welchem Fußballverein die Konzertbesucher halten, würde man ein völlig uneinheitliches Bild erhalten. Andersrum genauso. Auf den Stadiontribünen sind alle musikalischen Vorlieben vorhanden. Kunterbund. Querbeet. Rechtmachen kann man sowieso niemandem. Was also tun, wenn die eigene Mannschaft ein Tor erzielt? Die Bundeligisten haben im wesentlichen sechs verschiedene Antworten gefunden.

1. Abgekupferte Torhymnen

2. Eher mallorcinische Torhymnen

3. Heimatklänge

4. Karneval und andere Humorlosigkeiten

5. Vereinshymnen

6. Folk, Soul und sonst nichts


Hier die aktuellen Hymnen im Einzelnen

1. Abgekupferte Torhymnen

 

Werder Bremen

Die Bremer und die Schotten, welch historische Verbindung. Bei Werder-Toren hören wir zuerst ein Nebelhorn und damit die Party richtig ab geht, wird "I'm gonna be" (500 miles)" von den Proclaimers gespielt. Der Folk-Rock-Song ist in Schottland beliebt und wird von der schottischen Fußballnationalmannschaft ebenso als Torhymne benutzt wie von der schottischen Rugby-Nationalmannschaft. Wie der Titel nach Bremen gekommen ist? Wissen nur die Bremer...

Hymne: I'm gonna be (500 miles)
Original: The Proclaimers

Zur Torhymne von Werder

 

VfL Wolfsburg

Selten war gute Laune so nervtötend. Rama Lama? Ding Dong! Die Musikexperten machen "Rocky Sharpe and the Replays" für dieses Attentat verantwortlich, das alle andere Ohrwürmer auf den ersten Akkord tötet. Aber das Weltwissen entlarvt Herrn Sharpe als Replayer. Es belehrt uns wie folgt: Rama Lama Ding Dong ist ein Doo-Wop-Song der US-amerikanischen Musikgruppe The Edsels aus dem Jahre 1958. Das Weltwissen setzt nach: Wie bei der musikalischen Stilbezeichnung Doo Wop handelt sich musiktechnisch auch bei dem Titel "Rama Lama Ding Dong" um Onomatopoesie, also die Imitation von Instrumenten- oder anderen Geräuschen durch die menschliche Stimme. Ziemlich nervig, diese Omomatopoeten.

 

Hymne: Rama Lama Ding Dong
Original: The Edsels
Version: Rocky Sharpe and the Replays

Zu Rama Lama Ding Dong

 

SC Freiburg

Was spielt ein DJ, wenn die Tanzfläche leer ist und nichts, aber auch gar nichts mehr geht? Was spielt die Coverband, wenn sie den Damen ein Lächeln auf die Lippen zaubern will, die schon etwas in die Jahre gekommen sind? Die Tormelodie des SC Freiburg geht irgendwie immer. Auch in der Stimmungs-Version hat man sie schon so oft gehört, dass man den Freiburgern kaum ein Tor gönnen mag. Man darf dem Underdog zugute halten, dass die Hymne ohne Größenwahn nach dem Text ausgesucht wurde. Obwohl...

 

Hymne: I will survive
Version: Hermes House Band
Original: Gloria Gaynor  

Zur Hymne des SC Freiburg

 

Bayern München

Wer den Titel schon gut fand, als noch nicht abzusehen war, dass er sich im Fußball durchsetzen würde, muss sich auf große Schmerzen einstellen. Wie kann man "Seven Nations Army" von White Stripes so verhunzen? Der Song wurde 2003 auf dem Album Elephant veröffentlich. Fans des FC Brügge brachten das Riff bald in die Stadien. Unter italienischen Ultras wurde es populär. 2008 bei der EM in Österreich und der Schweiz war "Seven Nations Army" eine offizielle Stimmungshymne. Einziger Trost für Fans von Jack White: Allein mit diesem Song werden seine Tantiemen so üppig gewesen sein, dass er es sich fortan leisten kann, mit seiner Musik sich nicht nach dem Geschmack der Leute zu richten.

Hymne: Seven Nations Army
Version: eine selten unsägliche Disco Version
Original: White Stripes

 

Zu Seven Nations Army im Bayern Remix

 

 

2. Eher mallorcinische Torhymnen

 

Bayer Leverkusen

Status Quo bezeichnet den gegenwärtigen Zustand einer Sache, der in der Regel zwar problembehaftet ist, bei dem aber die bekannten Möglichkeiten zur Abhilfe ebenfalls problembehaftet sind. Soweit Wikipedia. In der Pop-Musik bezeichnet Status Quo die Kunst aus einer einzigen musikalischen Idee ein ganzes Bandleben zu bestreiten.

 

Hymne: Rockin all over the world (I like it)
Original: Status Quo

Zur Hymne von Bayer Leverkusen

 

Borussia Mönchengladbach

Ein Werk von seltener inhaltlicher Tiefe erklingt, wenn die Borussia eingenetzt hat. Der Fanbeauftrage Thomas Weinmann kommentiert: "Die Gegner kriegen dabei jedes Mal das Kotzen. Das ist der Ritterschlag für jede Tormusik." Offenbar wurde Döp Döp Döp einmal bei einem Fanturnier gespielt, und kam so gut an, dass man es das Torhymne ausprobiert hat. Der Feldversuch währt inzwischen mehr als 10 Jahre.

Hymne: Maria (I like it loud)
Text: Döp Döp Döp
Original: Scooter

Zur Torhymne von Borussia Mönchengladbach

 

 

3. Heimatklänge

 

SC Paderborn

Wenn die Heide (pardon: Heide, Heide) im Rumstata-Sound brennt, liegt der gute Stil längst in Schutt und Asche. Hermann Löns die Heide Heide brennt, Hermann Löns die Heide Heide brennt, Hermann Löns die Heide Heide brennt. Wenn man den Propheten glauben darf, wird die Hymne sowieso nicht häufig gespielt werden.

Hymne: Hermann Löns, die Heide brennt
Original: Scheunenrocker

Zur Torhymne des SC Paderborn

 

Fortuna Düsseldorf

Aus Düsseldorf stammt ein Kunstprojekt, das die Musikwelt verändert hat: Kraftwerk. Allerdings kann man an der statischen Bühnenperformance ablesen, dass die Roboter nichts mit Fußball am Bit haben. Bei den Toten Hosen ist das anders. Der bekennende LFC- und Fortuna-Fan Campino, übrigens ein begnadeter Tipp-Kicker, ist in vielen Ohren eine plausible Wahl für einen Düsseldorfer Club. Hat auch was von Heimat.

Hymne: Strom
Original: Die Toten Hosen

Zur Torhymne von Fortuna Düsseldorf

 

FC Augsburg

Über die Neunzigerjahre-Rockgitarren muss man reden. Trotzdem kommt "die Insel mit zwei Bergen" vergleichsweise wenig protzig daher, und das ist erstmal grundsympathisch. Die Nationalhymne von Lummerland wurde übrigens schon am Beginn der Sechziger Jahre aufgenommen. Starker Evergreen, möchte man meinen. Auch in dieser Hinsicht passend zu den Vereinsfarben.

Hymne: Eine Insel mit zwei Bergen
Original: Soundtrack aus "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". 
Musik: Hermann Amann
Version: Reden wir nicht drüber

Zur Torhymne des FC Augsburg

 

4. Karneval und andere Humorlosigkeiten

 

1.FC Köln

Wer nicht Kölner ist, sollte sich zur vorherrschenden Musik aus der Domstadt nicht äußern. Ich bin kein Kölner. Wäre ich einer, würde ich zu dem Bevölkerungsteil gehören, die am Ausgang des Winters die Stadt weiträumig meidet. Aber das ist Geschmackssache. Ein ganzes Stadion steht darauf. Muss ja.

Hymne: Kölle Alaaf aus "Denn wenn et Trömmelche jeht"
Original: De Räuber

Zur Torhymne des 1.FC Köln

 

Mainz 05

Narrhallamarsch. So sympathisch es scheint, wenn man den selbstironisch den eigenen Klub als Karnevalsverein verspottet, so zweifelhaft erscheint aus musikalischer Sicht ein hoher Sieg der eigenen Mannschaft. Die Zeiten, in denen Mainz wie es singt und lacht noch ein Quotenbringer war, sind längst vorbei. Aber was will man auch machen als Mainzer Klub? Narrhallamarsch.

Hymne: Meenzer Narrhallamarsch

Zur Torhymne von Mainz 05

 

Eintracht Frankfurt

Ein bisschen wie Karneval. Heute ist nur noch wenig davon zu spüren, dass der Uniformierung des Humors die herrschenden Verhältnisse eher verspotten sollte als sie ernsthaft zu übernehmen. So ähnlich verhält es sich mit der Ouvertüre zur Operette "Leichte Kavallerie" von Franz von Suppé. Das soll eher eine Parodie auf das österreichische Militär sein. Derlei Inhalte muss man allerdings googeln. Vom Hören allein erschließt sich das nicht, schließlich hört sich's militärisch an. Wie die leichte Kavallerie zur Eintracht Torhymne kam, bleibt rätselhaft.

Hymne: Leichte Kavallerie Ouvertüre
Komponist: Franz von Suppé

Zur Torhymne von Eintracht Frankfurt

 

5. Vereinshymnen

 

Borussia Dortmund

"Ole, jetzt kommt der BVB". Eigentlich eine ideale Torhymne. Besteht nur aus Refrain. Lässt sich unendliche Male aneinanderreihen. Und wenn schnell ausgeblendet wird, hat niemand das Gefühl, dass er wesentliche Teile der Hymne verpasst hat.

Hymne: Ole, jetzt kommt der BVB
Komponist: Matthias Kartner (Auftragsarbeit)

Zur Torhymne von Borussia Dortmund

 

Schalke 04

Wenn Schalke ein Tor erzielt, wird erstmal das Wunder von Bern bemüht. Dass beim legendären Torjubel von Herbert Zimmermann eigentlich der Essener Helmut Rahn traf, kümmert auf Schalke nur wenige. Doch Zimmermann ist noch nicht verklungen, da scheppert gleich "Ein Leben lang" los. Und zwar in einer Aussteuerung, bei der der geneigte Gast unsicher wird, was jetzt gerade schlimmer ist: Ob die Schalker das Tor erzielt haben oder dieser Blechsound, der in der Turn- und Festhalle auf Schalke aufs Schlimmste zurückhallt. Für die Gäste gilt: Dann wünschte man sich, man wäre zum Biathlon auf Schalke gekommen.

Hymne: Ein Leben lang, blau und weiß ein Leben lang
Komponist: unbekannt

Zur Hymne von Schalke 04

 

Hertha BSC

Es spielt das Orchester Sherry Bertram. Arrangement: Peter Weihrauch. Die Band heißt "Ete & die Fans", Es wird wohl die Ewige Torhymne von Hertha bleiben. Nachdem die Zeremonienmeister der Hertha vor der letzten Saison einen Einlauf mit der Einlaufmusik bekamen, werden sie die Torhymne vermutlich nie wieder anrühren. Im letzten Jahr hatte man die Fans komplett vergrätzt, weil man Frank Zander in Handstreich durch Seeed (Dickes B) ersetzt. Kein falscher Move, würde man aus der Ferne vielleicht meinen. Trotzdem eine Bruchlandung. Beim nächsten Heimspiel feierte man die Rückkehr von Frank Zander. Fußballfans können gruselig sein.

Hymne: Hertha, Hertha, ei, ei, ei
Original: Ete & die Fans

Zur Hymne von Hertha: Hertha, Hertha, ei, ei, ei

6. Folk, Soul und sonst nichts

 

TSG Hoffenheim

Schon merkwürdig. Da gilt Hoffenheim als zweitgrößtes Retortenprojekt im deutschen Fußball, und die Torhymne erinnert an die antikapitalistischen Spontis der Siebziger. Tatsächlich wurde die Torhymne der TSG in den Siebzigern bekannt, weil die niederländische Formation "The Bots" ein Trinklied daraus gemacht hat. Der Tenor war jedoch eher sozialkritisch und politisch. Später halfen Dieter Hildebrandt, Günter Wallraff, Wolf Biermann und Hannes Wader bei der Eindeutschung von Bots-Liedern. "Sieben Tage lang" beruht allerdings auf dem bretonischen Trinklied "Son ar Christr", dem Lied vom Cidre.

Hymne: Son ar Christr
Herkunft: Bretonisches Volkslied

Zur Torhymne der TSG Hoffenheim

 

RB Leipzig

James Brown? Tatsächlich! Bei RB Leipzig. Oh Yeah! Dabei ist es eine Freude zu hören, wie die versammelte RB-Fangemeinde den Titel im souligen Englisch mit leicht sächsischen Unterton mitsingt.

Torhymme: I feel good
Orginal: James Brown

Zur Torhymne von RB Leipzig

 

Union Berlin

Nichts. Fußball pur. So wie es Union in den Werten verankert hat. Konsequent und gut. Wie sehr die Entscheidung, auf Musik beim Tor zu verzichten, überzeugt, wird erst klar, wenn man sich die obenstehenden Links in voller Länge angetan hat.


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