Warum ProphetInnen bessere Menschen sind

von Bernd Sautter -

Warum Prophetinnen und Propheten edel und gut sind. Herzlich willkommen zur neuen Spielzeit. Wir bitten um Prophezeiungen bis Freitag, 18.9, 18.30 Uhr.

Der Tisch markiert die Grenze. Manchmal ist sie identisch mit der Grenze des Denkens. Am Stammtisch war die Welt seit jeher überschaubar. Flach überdies. Dass die Dinge komplexer sind, die Welt womöglich rund, geht den Besserwisser am Stammtisch nichts an. Der Tisch ist ja die Welt. Das Dozieren bleibt in aller Regel folgenlos. Mit gutem Beispiel vorangehen, um die Welt zu verändern, das kann man sich am Stammtisch schenken. Darum geht es nicht. Man will sich selbst versichern, dass man weiß, wie der Ball rollt. Ein entsprechendes Genörgel gefolgt von einem Impulsvortrag für die anderen Gäste am Tisch reicht völlig. Wir Propheten müssen das wissen. Unsere Plattform ist an Tisch Nr.7 des fischlabors im Stuttgarter Westen entstanden. In größtmöglicher Bescheidenheit sprechen wir selbst von uns als "Propheten der Liga".

Typisch. Das Netz gilt als neue Heimat jeder Stammtisch-Mentalität. Als Fußball-Besserwisser, sporthistorisch exzellent ausgebildet, sind wir bestens aufgehoben. Wo die BesserwisserInnen twittern, youtuben und instagrammen müssen wir Altklugen unbedingt mitmischen. Das Beste an alledem ist jedoch, dass wir nicht allein bleiben. Unsere Einladung zum Mitmachen wird von vielen angenommen. Eine große Freude. In Jeder und Jedem steckt eine Prophetin oder ein Prophet. Unser Stammtsich kennt keine Grenzen. Alle sind willkommen.  Zumal wir einen gesellschaftlichen Mehrwert bieten. Gesprächsstoff sowieso. Aber auch darüber hinaus beinhaltet die geforderte Langzeitprognose der Abschlusstabelle einen besonderen Service.

Gscheitschwätzer werden entlarvt

Es geht um den natürlichen Feind jeder Besserwissung: das Rechthaben. Indem wir alle BesserwisserInnen zu einer unumstößlichen Saisonprognose zwingen, können wir am Ende genau sehen, wer wirklich recht hatte und wer nicht. Spieltag für Spieltag werden die Prophezeiungen mit der Realität abglichen. So halten wir den vermeintlichen Fußball-Expertinnen und -Experten den Spiegel vor. Schon in vielen Fällen hat der Verweis auf die persönliche Position in der Prophetentabelle zu einer Extraportion Demut in der Stammtisch-Lautstärke geführt. Man kann ja Fachsimpeln wie man will. Aber man sollte die eigene Begrenztheit mitdenken. 

Dass Prophetinnen und Propheten ganz besonders feine Menschen sind, versteht sich von selbst. Sie sind bereit, die eigene Fehlerhaftigkeit zu erkennen. Diese Größe wohnt nicht in jedem. Viele selbsterklärte Fußball-Professoren hassen derartige Tippspiele. Sie scheuen das Risiko. Sie wollen nicht riskieren, dass nur ein Zacken der selbstverliehenen Taktik-Krone aus dem Rahmen bricht. Solche Hasenfüße werden keine Propheten. Einfach zu schwach für unser Liga.

Vorhersehen als Einsehen

An Tisch Nr. 7 haben wir jede Einbildung längst verloren. Noch keinem der drei Tippspiel-Veranstalter, alle anerkannte Liga-Koryphäen, ist es je gelungen, einen Platz unter den Top 3 zu belegen. Wir wissen um die eigene Fehlbarkeit. Diejenigen unter den Propheten, die mit ihren Vorhersagen näher an der Realität sind, lassen wir hochleben und besingen sie mit Hymnen. Das ist die Haltung, die alle Prophetinnen und Propheten vereint: Propheten sind eben edle Menschen. Samt und sonders. Bereit die eigene Fehlbarkeit zu erkennen – und die brillante Vorhersehung der Anderen. Keine geringe Qualität in Zeiten, in denen man nur als virologische Fachkraft (formerly known as Bundestrainer) etwas gilt. Man muss nur mitmachen. Herzlich willkommen unter Propheten. In dieser Woche gilt's.

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